Upcycling mit Windows-Tablets

Mir ist kürzlich ein Windows-Tablet zugelaufen, das vor zehn Jahren auf den Markt kam. Lässt sich damit heute noch etwas anfangen?

Das Acer Iconia W511 kam 2012 auf den Markt, damals mit Windows 8.1, einem Atom-Prozessor (32 Bit) und 2 GB RAM. Das Exemplar, das ich (einstweilen) vor dem Schrott bewahrt habe, war vor allem wegen eines defekten Tastaturdocks ausgemustert worden. Aber sicher hat auch die aus heutiger Sicht eher putzige Rechenleistung ihren Teil dazu beigetragen. Davon abgesehen funktioniert das Tablet aber einwandfrei. Und der Bildschirm (1366*768 Pixel auf 10,1 Zoll, IPS-Display, 350 cd/m²) ist auch heute noch brauchbar. Muss man es wirklich wegwerfen?

Das erste, was ansteht: ein aktuelles Betriebssystem. Windows 8.1 bekommt tatsächlich noch Support bis Januar 2023, ein Vorbesitzer hatte allerdings Windows 10 aufgespielt. Da lässt sich höchstens die Version 1703 installieren, jüngere Versionen unterstützen die CPU nicht mehr. Eine erste Variante wäre also die Installation eines schlanken Linux (etwa Arch Linux 32). Dann hätte ich ein nettes Surf-Tablet. Brauche ich aber nicht. Ich habe noch nie ein Tablet vermisst.

Also entrümple ich zunächst die bestehende Windows-Installation und grüble, was man stattdessen damit machen könnte. Filme gucken? Als Zuspieler für einen Beamer benutzen? Damit ist es allerdings schon überfordert, und mit einem Betriebssystem, das aus dem Support gefallen ist, verbieten sich im Grund alle Dinge, die irgendwie mit diesem Internet zu tun haben. Also als digitalen Bilderrahmen auf die Anrichte stellen? Okay, so was vermisse ich noch viel weniger als ein Surf-Tablet.

Durch das defekte Tastatur-Dock sind die Möglichkeiten zunächst etwas eingeschränkt. Um Peripherie wie Maus und Tastatur nutzen zu können, braucht es (wenn es nicht Bluetooth sein soll) einen USB-OTG-Adapter. OTG steht für on-the-go und wurde ursprünglich entwickelt, um beispielsweise einen USB-Stick an die Micro-USB-Buchse eines Smartphones anzuschließen. Man kann an dieses OTG-Kabel aber auch einen USB-Hub hängen, daran Tastatur, Maus und auf Wunsch einen Ethernet-Adapter, und schon hat man einen fast “vollwertigen” PC. Den man beispielsweise – aufgrund der begrenzten Ressourcen – als ThinClient nutzen könnte, also um per Remote Desktop Protocol auf entfernte Computer zuzugreifen. Auch eine Art Info-Terminal in gemeinsam genutzten Räumen wäre damit denkbar. Aber auch dafür habe ich gerade keine Verwendung.

Spannend wird es, als ich SpaceDesk ausprobiere. Das ist eine Multi-Monitor-Anwendung. Man installiert auf dem eigenen Notebook einen Server und auf dem Tablet einen Client, der sich dorthin verbindet. Das Tablet erscheint am Notebook dann wie ein zweiter Bildschirm – man kann den eigenen Bildschirm dorthin spiegeln oder das Tablet auch als Zweit-Bildschirm danebenstellen. Das ist interessant – ich arbeite ziemlich gerne mit zwei Bildschirmen und habe mir schon manches mal eine portable Lösung fürs Reisegepäck gewünscht.

Der SpaceDesk-Client auf dem Tablet lässt sich so konfigurieren, dass er sich automatisch mit einem bestimmten Gerät verbindet und dann sofort in den Vollbildmodus geht. Begünstigend kommt dazu, dass das Tablet im Standby mit 0,5 Watt extrem sparsam ist. Man kann es also guten Gewissens im Standby lassen, muss lediglich mit einem Doppelklick den SpaceDesk-Client starten und schon hat man einen kleinen, aber soliden Zweitbildschirm neben sich. Das einzige Manko ist die etwas zähe Übertragung via WLAN. Nachdem ich einen USB-LAN-Adapter per USB-OTG-Kabel ans Tablet stecke, macht es aber richtig Spaß: das Tablet kommt gut mit dieser Aufgabe klar und die Verzögerung bei der Bildübertragung ist sehr gering.

Etwas unglücklich bin ich noch damit, weiterhin ein end-of-life-Gerät im Netzwerk zu haben. Ginge das nicht offline? Man könnte doch… den HDMI-Ausgang des Notebooks nutzen, das Bild von dort in einen HDMI-Grabber schicken und den wiederum via USB-OTG-Kabel ans Tablet anschließen. Noch mal zum Mitschreiben: ein HDMI-Grabber ist ein ziemlich praktisches Ding, mit dem man sich einen HDMI-Eingang ans Notebook (oder hier das Tablet) basteln kann – üblicherweise hat man ja nur einen Ausgang. Jetzt bräuchte ich bloß noch eine App, die das Bild des HDMI-Grabbers (ich nutze diesen hier) im Vollbild anzeigt – die Windows-Kamera-App gibt das nicht her.

Hergeben tut das stattdessen die Allzweckwaffe VLC Media Player (was kann diese Software eigentlich nicht?). Man gehe auf Medien> Medien öffnen…> Aufnahmegerät öffnen und wähle bei “Video-Gerätename” den HDMI-Grabber aus, bei “Audio-Gerätename” “Kein” – sonst gibt es Rückkopplungen. Nur noch die Bildgröße in Pixeln angeben oder wenigstens in den erweiterten Optionen das Bildformat auf 16:9 setzen. Et voilà – der erweiterte Bildschirm erscheint komplett offline auf dem Tablet, ein Doppelklick ins Bild aktiviert den Vollbildmodus. Nur leider kann ich diesem Setup kein gescheites Bild entlocken: die Darstellung ist ziemlich matschig und extrem verzögert. Das wundert mich – der HDMI-Grabber liefert unter anderen Bedingungen ein gestochen scharfes Bild. Vielleicht ist USB-OTG dafür nun wirklich nicht gemacht. Schade, denn so hätte man das Tablet im Grunde auch als Mini-Bildschirm an einem PC nutzen können, wenn für einen “richtigen” Bildschirm gerade kein Platz ist.

Es bleibt also erst mal bei der Netzwerklösung, und um mich etwas sicherer zu fühlen, kann ich dem Ethernet-Adapter auf der heimischen Firewall ja immer noch das Internet verbieten. Reizvoll an dieser Lösung ist auf jeden Fall, dass ich durch die Netzwerkübertragung sehr flexibel bin. Der Tablet-Zweitbildschirm kann sonstwo stehen – ich bin nicht durch die Längenbegrenzungen eines HDMI-Kabels beschränkt. Ich sehe schon, mir werden da noch ein paar interessante Einsatzszenarien einfallen.

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