Fixfest – das Reparaturfestival

In Berlin findet an diesem Wochenende zum zweiten Mal das Fixfest statt. Aktivisten aus Repaircafés, der Maker-Szene, von Umwelt- und Verbraucherverbänden, Handwerker und Wissenschaftler aus aller Welt kommen zusammen, um sich auszutauschen.

Auf das Fixfest war ich über den heise Newsticker aufmerksam geworden. Obwohl mich die Ausschreibung elektrisierte, schob ich die Anmeldung lange vor mir her. Nur um dann zu lesen, dass das Festival ausgebucht sei. Kurzentschlossen fuhr ich trotzdem hin und war erleichtert, als ich ohne große Umstände auf die Teilnehmerliste genommen wurde. Vermutlich war ich nicht der Einzige… es wurden noch einige Stühle in den Saal getragen. Man könnte sagen: souverän gefixt.

Zuhörer bei den Keynotes am Freitagabend. Credits: Mark Phillips

Bettina Rechenberg, Umweltbundesamt

Zur Begrüßung sprach Bettina Rechenberg vom Umweltbundesamt.  Sie erzählte, dass bei den Planungen natürlich noch nicht klar war, dass am selben Tag der Klimastreik stattfinden würde – an dem auch eine enorme Menge der Fixfest-Gäste teilgenommen hatte. Gleichzeitig sei es ein glücklicher Zufall, denn Reparatur sei aktiver Klimaschutz.

Anschließend folgt ein kurzer Abriss der Fixfest-Geschichte. 2015 habe es ein erstes Treffen verschiedener Initiativen gegeben, mit teils sehr unterschiedlichen Schwerpunkten. Daraus sei der Runde Tisch Reparatur entstanden, mit Partnern wie dem Netzwerk Reparaturinitiativen, iFixit oder der anstiftung – Herausgeberin des Buches “Die Welt reparieren”.

An verschiedenen Beispielen unterstreicht sie die Dringlichkeit einer neuen Reparaturkultur: allein für die wenigen Gramm Gold, die in jedem Smartphone zum Einsatz kommen, fallen hundert Kilo Abraum an.  Da Smartphones lediglich eine durchschnittliche Nutzungsdauer von 18 Monaten hätten, entstünden allein durch diesen einen Rohstoff enorme Umweltprobleme. Sie zitiert auch Lebenszyklusanalysen, die zeigen, dass die Weiternutzung eines bestehenden Geräts fast immer ressourcenschonender sei als das Ersetzen durch ein neues, sparsameres Gerät. Bei einem Notebook etwa seien die Einsparungen im Betrieb – verglichen mit dem Energieaufwand bei der Herstellung – so gering, dass sich ein Neukauf aus diesem Blickwinkel erst nach 88 Jahren rentiere.

Rechberg unterstreicht die Forderung eines “Rechts auf Reparatur”, um Geräte unkompliziert reparieren zu können. Dazu zählen z.B. der freie Zugang zu Ersatzteilen und Zerlegeanleitungen.

Zu guter Letzt noch der Verweis auf die Ausstellung des diesjährigen Bundespreises Ecodesign. Wer nach Besuch des Fixfests noch nicht genügend Inspiration mit nach Hause nimmt (was kaum vorstellbar ist), kann noch bis Sonntag die Ausstellug der 130 Einreichungen zur diesjährigen Preisvergabe besuchen. Auch dort ist Reparierbarkeit ein zentrales Kriterium.

Kyle Wiens, iFixit

Weiter ging es mit einem Vortrag von Kyle Wiens, einem der Gründer hinter der Reparatur-Community iFixit. Die Bitte der Gastgeberin, er möge diesmal nicht gar so schnell sprechen, verhallt ungehört: er ist begeistert von dem, was er tut und daher nur schwer zu bremsen.

Auch Wiens hat heute am Klimastreik teilgenommen und erzählt süffisant von einer weniger passenden terminlichen Parallele: am selben Tag kam das neue iPhone 11 Pro Max in den Handel und wurde von iFixit unverzüglich zerlegt, um daraus eine Reparaturanleitung erstellen zu können. An diesem Beispiel zeigt er auch, wie komplex die Einschätzung der “Reparierbarkeit” sein könne: einerseits seien iPhones – auch durch die überschaubare Modellpalette – “relativ einfach” zu reparieren. Andererseits setze sich Apple massiv gegen ein “Recht auf Reparatur” ein und erschwere Reparaturen außerhalb zertifizierter Werkstätten, wo es nur gehe.

Seiner Meinung nach liegt es klar in der Verantwortung der Hersteller, Reparaturanleitungen für ihre Geräte bereitzustellen. Weil das heute alles andere als selbstverständlich ist, springt iFixit an dieser Stelle ein. Dass es auch anders geht, zeigt Motorola: sie seien neben Fairphone der einzige Smartphone-Hersteller, der bezüglich Reparaturanleitungen mit iFixit kooperiere.

Damit werde weiterhin ein Großteil der Anleitungen von Freiwilligen Enthusiasten erstellt, die ihre Reparaturen mit Fotos dokumentieren. Wieder andere übersetzen bestehende Reparaturanleitungen, so dass diese auch Menschen, die kein Englisch sprechen, zur Verfügung stehen. Damit leistet iFixit einen enormen Beitrag zur Demokratisierung von Wissen und legt gerade in weniger entwickelten Regionen den Grundstein für Menschen, die sich mit einer Reparaturwerkstatt selbständig machen.

Wiens schildert auch eine Stellungnahme der FTC, die besagt, dass Aufkleber mit Aufschriften wie “Warranty Void If removed” komplett illegal seien. Damit stärkt sie indirekt der Reparaturbewegung den Rücken.

Das iFixit-Reparaturmanifest. Credits: Mark Phillips

Melanie Jaeger-Erben, TU Berlin

Die dritte Redner*in des Abends ist Melanie Jaeger-Erben, Professorin für Transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung in der Elektronik. Sie ist außerdem Teil der Forschungsgruppe „Obsoleszenz als Herausforderung für Nachhaltigkeit“.

Jaeger-Erben erklärt, wie tief es in unserer Kultur verwurzelt sei, funktionierende Dinge wertlos zu machen, die sogenannte “Umweltprämie” oder unser Verhältnis zum “Mindesthaltbarkeitsdatum” seien dafür nur zwei Beispiele.

Zur funktionalen Obsoleszenz komme zunehmend eine “psychologische Obsoleszenz” hinzu. Zu deutsch: Verbraucher werden durch gezieltes Marketing dazu gebracht, voll funktionsfähige Geräte durch neue zu ersetzen. Eine häufige Motivation sei dabei die vage Hoffnung, dass das neue Gerät die eigenen Bedürfnisse besser erfülle; manchmal aber auch schlicht “Newism”, also die kurze Befriedigung, die man aus dem Kauf eines neuen Gerätes zieht. Ein krasser Auswuchs dieses Trends seien etwa Smartphone-Verträge, die jährlich ein neues Gerät beinhalten. Dabei empfänden es laut einer repräsentativen Umfrage unter 2000 Personen 77% als “ermüdend”, dass permanent neue Modelle auf den Markt kommen. Aktuell gebe es beispielsweise 800 verschiedene Wasserkocher auf dem Markt. Das dient nicht dem Kunden – es nährt bloß seinen leisen Zweifel, ob der eigene noch ausreichend seinen Dienst tut.

Jaeger-Erben plädierte schließlich noch fürs Aufbewahren. Was auf den ersten Blick wie eine vollgerümpelte Lagerhalle aussehe, könne – gut sortiert – eine unschätzbare Fundgrube für die Reparatur defekter Geräte darstellen.

Gruppenfoto am Samstag. Credits: Mark Phillips

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