Bits & Bäume: die Konferenz für Digitalisierung und Nachhaltigkeit

Gerade nehme ich an einer Konferenz teil, die dieses Jahr zum ersten Mal stattfindet: die Bits & Bäume in Berlin. Zwei Szenen, die viele Werte teilen, aber bisher wenig Kontakt haben, sollen zusammengebracht werden: Umweltaktivisten und digitale Menschenrechtler (gerne auch verkürzt als “Hacker” subsumiert).  Gut 1300 Teilnehmer diskutieren während der zwei Konferenztage intensiv, was die beiden Communities verbindet und was sie voneinander lernen können.

Allgemeine Menschenrechte als verbindendes Element

Tilman Santarius von der TU Berlin schlägt während des Eröffnungs-Panels einen großen Bogen, um aufzuzeigen, wo die Bewegungen, die hier zusammengebracht werden sollen, herkommen: die einen feiern die allgemeine Erklärung der Menschenrechte vor siebzig Jahren, die anderen die Erfindung des Transistors im selben Jahr. Das ist natürlich nicht ganz ernst gemeint, deutet aber an, was aus der Verbindung der Szenen entstehen soll: die Verwirklichung von wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechten sowie ein gemeinsames Engagement zum Schutz unseres Planeten. Ziel sei, Menschen zu vernetzen und zu politisieren.

Constanze Kurz, Sprecherin des Chaos Computer Club, berichtet von einem Workshop zu Anonymisierung und dem Schutz vor Abhören, den sie vor einigen Jahren für eine Umweltgruppe durchgeführt hat. Sie war damals beeindruckt von der Fähigkeit der Umweltbewegung, Menschen zu mobilisieren und erkannte bei dieser Gelegenheit, wie viel die Bewegungen voneinander lernen können. “Geschenkt bekommt man nichts” – und der Kampf gegen Vorratsdatenspeicherung & Co. brauche diese Kampagnenfähigkeit dringend.

Das übergeordnete Ziel beider Bewegungen sei die Umsetzung der Grund- und Menschenrechte. Als Beispiel nennt sie eine Reihe von Grundrechten, die zuletzt stark eingeschränkt wurden: das Fernmeldegeheimnis, das Recht auf informationelle Selbstbestimmung sowie das Grundrecht auf Vertraulichkeit und Integrität in kommunikationstechnischen Systemen.

Kurz plädiert dafür, nicht nur auf Bundesverfassungsgericht oder den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu hoffen. Es brauche Menschen mit skeptischem, unabhängigem Geist, die Forderungen aus der Zivilgesellschaft in den Diskurs einbringen.

Digitalisierung als Chance für Demokratie und Ressourcenschonung

Prof. Lorenz Hilty von der Uni Zürich ist überzeugt, dass Digitalisierung grundsätzlich einen wichtigen Beitrag zu Ressourcenschonung leisten könne, etwa als Beitrag zur Sharing Economy, bei der Verbraucher Konsumgüter von der Bohrmaschine bis zum Auto miteinander teilten. Allzu oft führen die Fortschritte bisher aber nicht zu Demokratisierung, sondern zur Entmündigung der Nutzer. Er fordert daher ein Recht auf Reparatur, die Stärkung von Konsumentenrechten sowie kreativere Wertschöpfungsmodelle, die nicht auf geplanter Obsoleszenz beruhen.

Allein diese kurzen Ausschnitte zeigen, welche Fülle an Denkanstößen das Eröffnungspanel bietet. Eine sehr sehenswerte Aufzeichnung mit weiteren inspirierenden Redebeiträgen findet sich hierAber damit ist es nicht getan: die Konferenz hat gerade erst begonnen, und die Besucher erwarten 130 Vorträge, Workshops und Diskussionsrunden, außerdem Dutzende Infostände und Angebote, bei denen man selbst aktiv werden kann.

Auch Teil der Konferenz: All-Gender-Toiletten, veganes Essen und Barrierefreiheit

Aber auch abseits inspirierender Vorträge machen die Veranstalter der Konferenz vieles richtig: Beispielsweise beschert die Umwidmung der WCs zu All-Gender-Toiletten (natürlich ergänzt durch Safe Spaces) endlich auch Männern gleichberechtigten Zugang zu den Warteschlangen vor den Kabinen. Die Fläming Kitchen kocht bio-vegan für alle. Die Hauptvorträge werden durch Gebärdendolmetscher*innen auch Gehörlosen zugänglich gemacht, und die Daheimgebliebenen versorgt das VOC des Chaos Computer Club mit Livestream sowie Aufzeichungen vieler Vorträge.

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